Sexualisierung, sexistische Witze und patriarchale Gewalt sind für viele von uns Studierenden keine Seltenheit an der Uni. Egal, ob diese von unseren Kommilitonen, Professoren oder von Uni-Mitarbeitern ausgeht. Ein Studiengang der neulich besonders dafür auffiel, ist das Medizin-studium. Fast alle Medizinstudentinnen sind im Laufe ihres Studiums und in ihrem darauffolgenden Arbeitsalltag von sexuali-sierter Belästigung und Übergriffigkeit betroffen. Das zeigen aktuelle Umfragen, in denen rund 75 % der Medizinstudent-innen und Ärztinnen angeben, im Kranken-haus und während Praktika diese erlebt zu haben. Auch beim diesjährigen Ärztetag wurde dieses Thema angeprangert.
Zwei Studierendenvertreterinnen berichteten am Ende des Kongresses, dass sie und drei weitere Mitstudentinnen an den Abenden sexuell belästigt und gegen ihren Willen angefasst worden sind. Aber auch abseits dieses Vorfalls sind patriar-chales Fehlverhalten und patriarchale Gewalt im Medizinstudium und im Arbeitsalltag weit verbreitet. Vor allem im Praktischen Jahr (PJ), dem letzten Abschnitt des Medizinstudiums, erleben Medizinstudentinnen Belästigung. Das PJ ist bekannt dafür, die prekärste Zeit des Studiums zu sein. Während man Vollzeit im Krankenhaus arbeiten muss, bekommt man nur wenige hundert Euro an Aufwandsentschädigung ausgezahlt.
In manchen Krankenhäusern ist das PJ sogar vollkommen unbezahlt. Da man sich neben dieser Vollzeitarbeit gleichzeitig auf das abschließende Staatsexamen vorbereiten muss, bleibt keine Zeit für Nebenjobs. Die Studentinnen müssen sich ihr Geld für die Miete, das Essen und sonstige Kosten oft über Erspartes finanzieren oder sind zum Ende des Studiums in besonderem Maße von den Eltern abhängig. Dass es genau in dieser Phase vermehrt zu übergriffigem Verhalten kommt, ist kein Zufall. Die prekäre Lage der Studentinnen, die ökonomische Besserstellung der Ärzte und Oberärzte und deren patriarchales Verhalten gehen Hand in Hand.
Dass die prekäre Lage von Studentinnen oft ausgenutzt wird, um sexualisierte Gewalt gegen sie auzuüben, zeigt auch der Fall von Michael Wenzel, einem Mitarbeiter des Studierendenservicecenters der Universität Freiburg. Dieser vermietete seine Wohnung gezielt an junge Studentinnen, die er persönlich aussuchte. Er filmte sie dann in ihrem Badezimmer mit einer versteckten Kamera. Über 800 Frauen hat er dort und im Rahmen seiner Anstellung an der Uni auf Toiletten und Dienstreisen gefilmt. Der Täter musste lediglich an einige Betroffene Geld zahlen, viele der Fälle waren bereits verjährt.
Ein ähnlicher Fall wurde kürzlich an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin aufgedeckt. Dort wurden auf mehreren Frauentoiletten Kameras entdeckt. Da die Aufnahmen nur offline gespeichert wurden, muss der Täter oft an der Hochschule gewesen sein, um an die Aufnahmen ranzukommen. Es liegt also nahe, dass er an der Hochschule studierte, lehrte oder arbeitete. In all diesen Fällen haben weder Staat noch Universität oder Hochschule die Betroffenen aktiv unterstützt. In Freiburg wurde versucht, das Thema unter den Teppich zu kehren, und Betroffenen geraten, nicht darüber zu reden.
Trotzdem stehen wir dieser Gewalt und diesen Verhältnissen nicht machtlos gegenüber. Weil Staat und Unis uns nicht schützen, müssen wir es eben selber tun! Dazu müssen wir den Kampf gegen patriarchale Gewalt organisiert führen und als selbstverständlichen Teil unserer alltäglichen Praxis verstehen.
Kampf gegen sexualisierte Belästigung und Gewalt bedeutet Kampf dem Kapitalismus und Patriarchat!



